Zimmer
Zimmer
So jetzt reicht es! Seit zwölf Tagen fordere ich meinen Sohn David auf, sein Zimmer aufzuräumen.
Seit zwölf Tagen höre ich „Ja, gleich!“ Ich weiß nicht, was gleich in der heutigen Jugendsprache bedeutet – offensichtlich nicht das, was ich darunter verstehe.
Bei mir bedeutet gleich: -sobald ich diese wichtige Tätigkeit
beendet habe
oder auch - in fünf Minuten
meinetwegen - in einer halben Stunde
Bei meinen Sohn bedeutet gleich: ich warte so lange bis du dieses Gespräch vergessen hast, und dann brauch ich das eh nicht mehr machen.
Dieses gleich dauerte mir diese Mal eindeutig zu lange, und zudem habe ich unser Gespräch ausnahmsweise einmal nicht vergessen.
Nach zwölfeinhalb Tagen habe ich also David noch mal mit der unmöglichen Bitte konfrontiert doch endlich unser gesamtes Geschirr, das sich auf seinem Schreibtisch versammelt hat, in die Spülmaschine zu räumen, damit ich nicht schon wieder Pappteller kaufen muss. Zudem fände ich es echt schick, wenn sich seine Unterhosen nicht durch den Türschlitz in den Flur schieben würden.
Seine Antwort: “Aufräumen wird total überbewertet!“
Jetzt ist es nicht so, dass er mit überaus wichtigen Dingen beschäftigt wäre, die ihn vom Aufräumen abhalten, wie zum Beispiel mit einem freiwilligen Referat mit dem Thema „ Welche Bedeutung hat die Quantenphysik in unserem heutigen Twitter-Alltag“ oder mit Krafttraining um für die nächsten Jugendwettkämpfe der europäischen Leichtathleten fit zu sein oder mit der Bewerbung um einen Platz für ein soziales Auslandsjahr, oder auch nur mit den täglichen Hausaufgaben.
Wenn dem so wäre, würde ich nicht wegen so profaner Dinge, wie Aufräumen, rumquengeln.
Dem ist aber nicht so, und deswegen quengel ich!
Was allerdings nichts nutzt!
Jetzt habe ich in einer Illustrierten einen Artikel mit der Überschrift „Pubertät – was jetzt? Hilfe zur Selbsthilfe!“ gelesen man soll in seinen erzieherischen Maßnahmen kreativ sein.
Also mache ich mir noch in gleicher, schlafloser Nacht Gedanken wie ich dem Zimmerproblem beikommen kann. Am Morgen stehe ich zwar übernächtigt, aber mit genialer Idee auf.
Beim Frühstück verkünde ich meinem Nachwuchs:“ Du hast recht – mit Aufräumen macht man sich nur unnötig das Leben schwer! Ich werde das jetzt auch mal lassen. Du hast mir gezeigt, dass es ja durchaus wichtigere Dinge im Leben gibt, wie zum Beispiel Fernseh-Gucken, Playstation spielen oder SMSe schreiben. Also lassen wir das jetzt mal mit dem Aufräumen.“
Zunächst schaut mich David argwöhnisch an. Doch dann erwidert er: “Sag ich doch!“ und wendet sich wieder seinem Nutella-Brot zu.
Das neugekaufte Frühstücksgeschirr , sowie Brot, Butter und Aufstrich bleiben auf dem Tisch. Im Bad lasse ich meinen Schlafanzug auf dem Boden neben der Heizung liegen. Da mir das nicht auffällig genug erscheint, hole ich noch aus dem Schrank zwei frisch gewaschene Sleepshirts und einen Bademantel und lege sie dazu.
Als ich abends von der Arbeit nach Hause komme fällt mein Blick auf den unordentlichen Küchentisch und reflexartig nehme ich die Teller um sie in die Spülmaschine zu räumen. Da fällt mir meine ach so geniale, selbsterfundene Erziehungsmethode ein, und ich stelle alles wieder auf den Tisch.
Da David schon seit mehreren Stunden zu Hause ist (wie ich anhand der Temperatur des Fernsehers feststellen kann) und er trotz des chaotischen Aussehens unserer Küche völlig unbeeindruckt ist, greife ich zu drastischeren Maßnahmen: ich stelle zum Frühstücksgedönse noch unsere gesamten Backbleche, eine erlesene Auswahl der Einkäufe, die ich nach der Arbeit getätigt habe, sowie einiges an schmutzigen Geschirr aus der Spülmaschine. Außerdem platziere ich im Flur sieben Paar meiner Schuhe und Stiefel.
Zum Abendessen kann ich leider noch keine Erziehungserfolge vermelden, da mein Sohn mir verkündet er habe spät und sehr viel zu Mittag gegessen, so dass er keinen Hunger mehr verspüre.
Noch nicht mal die Anhäufung von Schuhen stört ihn, da er sich an diesem Abend nicht mehr großartig aus seiner Schlafhöhle rausbewegt.
Mir selbst fällt es verdammt schwer das selbstgeschaffene Chaos auszuhalten. Ich nehme mein Abendessen im Wohnzimmer ein, das bislang weitestgehend von meinen pädagogischen Maßnahmen verschont geblieben ist.
In den nächsten Tagen wird mein Nervenkostüm auf eine harte Probe gestellt. Ich mach immer öfters Überstunden um ja nicht in diese häusliche Chaos zurückzumüssen. Durch die Wohnung gehe ich nur noch mit geschlossenen Augen, und falle deswegen oft genug über Schuhe, Pfannen oder Bücher.
Während ich nur noch dahinsieche, scheint David aufzublühen.
Er genießt es ganz offensichtlich, dass ich ihn nicht mehr mit Schimpftiraden wegen seiner Unordentlichkeit überhäufe und auch seine Freunde fühlen sich immer wohler bei uns. Unsere Wohnung scheint sich zu einer angemessenen Umgebung für pubertierende Heranwachsende entwickeln.
Als ich kurz davor bin für mich ein 1-Zimmer-Appartement anzumieten, fällt mir ein, dass ich für den nächsten Abend einige Bekannte zum Essen eingeladen hatte.
Da war Schluss mit meiner kreativen Erziehung. Ich schnappte mir Gummihandschuhe und Desinfektionsspray und machte mich an die Arbeit. Während ich stundenlang vor mich hinarbeitete machte ich mir leise Hoffnungen, dass mein Sohn den Unterschied bemerken und sich eingestehen würde, dass eine mit "dem General" gesäuberte Wohnstätte doch wesentlich angenehmer ist.
In dem Moment, da ich fertig wurde, kam David nach Hause, sah was ich angerichtet hatte, runzelte die Stirn, grinste und verschwand in sein Zimmer (das ich im übrigen nicht bearbeitet hatte). Da ich neugierig war, was diese Reaktion zu bedeuten hatte, positionierte ich mich in die Nähe seiner Zimmertür.
Er telefonierte mit seinem besten Kumpel.
"Alter morgen bringste mir die fünf Euro Wetteinsatz mit. Als ich nach Hause kam war alles weg. Ich hab Dir doch gesagt, dass ich das Battle gegen meine Mutter gewinn...."
In dem Moment wusste ich, dass ich die letzten Tage meine Nerven völlig umsonst strapaziert hatte. Mir blieb nur noch eins zu tun: ich nahm die Illustrierte mit den tollen Erziehungstipps und brachte Sie zum Altpapier!
So jetzt reicht es! Seit zwölf Tagen fordere ich meinen Sohn David auf, sein Zimmer aufzuräumen.
Seit zwölf Tagen höre ich „Ja, gleich!“ Ich weiß nicht, was gleich in der heutigen Jugendsprache bedeutet – offensichtlich nicht das, was ich darunter verstehe.
Bei mir bedeutet gleich: -sobald ich diese wichtige Tätigkeit
beendet habe
oder auch - in fünf Minuten
meinetwegen - in einer halben Stunde
Bei meinen Sohn bedeutet gleich: ich warte so lange bis du dieses Gespräch vergessen hast, und dann brauch ich das eh nicht mehr machen.
Dieses gleich dauerte mir diese Mal eindeutig zu lange, und zudem habe ich unser Gespräch ausnahmsweise einmal nicht vergessen.
Nach zwölfeinhalb Tagen habe ich also David noch mal mit der unmöglichen Bitte konfrontiert doch endlich unser gesamtes Geschirr, das sich auf seinem Schreibtisch versammelt hat, in die Spülmaschine zu räumen, damit ich nicht schon wieder Pappteller kaufen muss. Zudem fände ich es echt schick, wenn sich seine Unterhosen nicht durch den Türschlitz in den Flur schieben würden.
Seine Antwort: “Aufräumen wird total überbewertet!“
Jetzt ist es nicht so, dass er mit überaus wichtigen Dingen beschäftigt wäre, die ihn vom Aufräumen abhalten, wie zum Beispiel mit einem freiwilligen Referat mit dem Thema „ Welche Bedeutung hat die Quantenphysik in unserem heutigen Twitter-Alltag“ oder mit Krafttraining um für die nächsten Jugendwettkämpfe der europäischen Leichtathleten fit zu sein oder mit der Bewerbung um einen Platz für ein soziales Auslandsjahr, oder auch nur mit den täglichen Hausaufgaben.
Wenn dem so wäre, würde ich nicht wegen so profaner Dinge, wie Aufräumen, rumquengeln.
Dem ist aber nicht so, und deswegen quengel ich!
Was allerdings nichts nutzt!
Jetzt habe ich in einer Illustrierten einen Artikel mit der Überschrift „Pubertät – was jetzt? Hilfe zur Selbsthilfe!“ gelesen man soll in seinen erzieherischen Maßnahmen kreativ sein.
Also mache ich mir noch in gleicher, schlafloser Nacht Gedanken wie ich dem Zimmerproblem beikommen kann. Am Morgen stehe ich zwar übernächtigt, aber mit genialer Idee auf.
Beim Frühstück verkünde ich meinem Nachwuchs:“ Du hast recht – mit Aufräumen macht man sich nur unnötig das Leben schwer! Ich werde das jetzt auch mal lassen. Du hast mir gezeigt, dass es ja durchaus wichtigere Dinge im Leben gibt, wie zum Beispiel Fernseh-Gucken, Playstation spielen oder SMSe schreiben. Also lassen wir das jetzt mal mit dem Aufräumen.“
Zunächst schaut mich David argwöhnisch an. Doch dann erwidert er: “Sag ich doch!“ und wendet sich wieder seinem Nutella-Brot zu.
Das neugekaufte Frühstücksgeschirr , sowie Brot, Butter und Aufstrich bleiben auf dem Tisch. Im Bad lasse ich meinen Schlafanzug auf dem Boden neben der Heizung liegen. Da mir das nicht auffällig genug erscheint, hole ich noch aus dem Schrank zwei frisch gewaschene Sleepshirts und einen Bademantel und lege sie dazu.
Als ich abends von der Arbeit nach Hause komme fällt mein Blick auf den unordentlichen Küchentisch und reflexartig nehme ich die Teller um sie in die Spülmaschine zu räumen. Da fällt mir meine ach so geniale, selbsterfundene Erziehungsmethode ein, und ich stelle alles wieder auf den Tisch.
Da David schon seit mehreren Stunden zu Hause ist (wie ich anhand der Temperatur des Fernsehers feststellen kann) und er trotz des chaotischen Aussehens unserer Küche völlig unbeeindruckt ist, greife ich zu drastischeren Maßnahmen: ich stelle zum Frühstücksgedönse noch unsere gesamten Backbleche, eine erlesene Auswahl der Einkäufe, die ich nach der Arbeit getätigt habe, sowie einiges an schmutzigen Geschirr aus der Spülmaschine. Außerdem platziere ich im Flur sieben Paar meiner Schuhe und Stiefel.
Zum Abendessen kann ich leider noch keine Erziehungserfolge vermelden, da mein Sohn mir verkündet er habe spät und sehr viel zu Mittag gegessen, so dass er keinen Hunger mehr verspüre.
Noch nicht mal die Anhäufung von Schuhen stört ihn, da er sich an diesem Abend nicht mehr großartig aus seiner Schlafhöhle rausbewegt.
Mir selbst fällt es verdammt schwer das selbstgeschaffene Chaos auszuhalten. Ich nehme mein Abendessen im Wohnzimmer ein, das bislang weitestgehend von meinen pädagogischen Maßnahmen verschont geblieben ist.
In den nächsten Tagen wird mein Nervenkostüm auf eine harte Probe gestellt. Ich mach immer öfters Überstunden um ja nicht in diese häusliche Chaos zurückzumüssen. Durch die Wohnung gehe ich nur noch mit geschlossenen Augen, und falle deswegen oft genug über Schuhe, Pfannen oder Bücher.
Während ich nur noch dahinsieche, scheint David aufzublühen.
Er genießt es ganz offensichtlich, dass ich ihn nicht mehr mit Schimpftiraden wegen seiner Unordentlichkeit überhäufe und auch seine Freunde fühlen sich immer wohler bei uns. Unsere Wohnung scheint sich zu einer angemessenen Umgebung für pubertierende Heranwachsende entwickeln.
Als ich kurz davor bin für mich ein 1-Zimmer-Appartement anzumieten, fällt mir ein, dass ich für den nächsten Abend einige Bekannte zum Essen eingeladen hatte.
Da war Schluss mit meiner kreativen Erziehung. Ich schnappte mir Gummihandschuhe und Desinfektionsspray und machte mich an die Arbeit. Während ich stundenlang vor mich hinarbeitete machte ich mir leise Hoffnungen, dass mein Sohn den Unterschied bemerken und sich eingestehen würde, dass eine mit "dem General" gesäuberte Wohnstätte doch wesentlich angenehmer ist.
In dem Moment, da ich fertig wurde, kam David nach Hause, sah was ich angerichtet hatte, runzelte die Stirn, grinste und verschwand in sein Zimmer (das ich im übrigen nicht bearbeitet hatte). Da ich neugierig war, was diese Reaktion zu bedeuten hatte, positionierte ich mich in die Nähe seiner Zimmertür.
Er telefonierte mit seinem besten Kumpel.
"Alter morgen bringste mir die fünf Euro Wetteinsatz mit. Als ich nach Hause kam war alles weg. Ich hab Dir doch gesagt, dass ich das Battle gegen meine Mutter gewinn...."
In dem Moment wusste ich, dass ich die letzten Tage meine Nerven völlig umsonst strapaziert hatte. Mir blieb nur noch eins zu tun: ich nahm die Illustrierte mit den tollen Erziehungstipps und brachte Sie zum Altpapier!
ratzefatz - 30. Jun, 10:54